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Wie der Computer "Familienmitglied" wurde ...

Familienbild

Der Computer - ein neues Familienmitglied

Der Personalcomputer hat in den letzten Jahren einen stürmischen Einzug in private Haushalte gehalten ist sozusagen als neues "Familien mitglied" angenommen worden.

Wer was auf sich hält, im Trend vom "gesunden" Leistungswillen liegt, mitreden und mithalten möchte, schafft sich einen PC an, einen 486'er oder gar Pentium, einen MAC mit ökobewußter Stromsparschaltung und recyclebarem Kunststoffgehäuse ...

Der PC wird von der ganzen Familie genutzt: Mutti hat ihre Kochrezepte in einer Datenbank gespeichert und verwaltet das Haushaltsgeld mit der Profi-Buchhaltung, die Vati heimlich im Büro kopiert hat. Vati braucht den Rechnern, wenn er sich Arbeit vom Betrieb nach Hause mitgebracht hat - das sieht der Chef gerne - und das hat dann höchste Priorität. Nur gelegentlich stört der PC den Familienfrieden, wenn klein Mäxchen zur gleichen Zeit seinen Hausaufsatz reintippen will. (In Wirklichkeit spielt er zuerst eine Runde "Indiana-Jones", nur das verrät er nicht). Aber bald sind diese Zeiten vorbei: Vati schafft sich für 5.000,- DM den neusten Pentium an und dann kriegen die Kids und Mutti den alten 386'er ...

Vater aller Dinge: Kriegstechnologie

1941 entstand durch Konrad Zuse die erste programmgesteuerte Rechenanlage, und das ist ein Computer, für baustatische Berechnungen. Militärs der USA erkannten die Möglichkeiten der Maschinen zur schnellen Steuerung von Prozessen - in der Zeit der Entwicklung der Atom- und Wasserstoffbomben und der Raketen. Elektronik- und Computertechnik waren im "Kalten Krieges" zu wichtigen Elementen der militärischen Aufklärung und Nachrichtentechnik geworden.

Im zivilen Bereich zog der Computer erst langsam in Firmen ein: Die teueren Anlagen und die aufwendige Programmierung lohnten sich erst dann, wenn massenweise Berechnungen auszuführen waren, so bei Banken und Versicherungen. Erst mit der Entwicklung des Microcomputers fanden kleinere Rechenanlagen Eingang in Firmen zur Auftragsbearbeitung, Lagerhaltung, ins technische Zeichnen (CAD) und zur numerischen Steuerung von Werkzeugmaschinen ... bis hin zur Textverarbeitung. Jetzt hatte jeder gehobene Mitarbeiter hatte "seinen" Personalcomputer am Arbeitsplatz stehen und so war von dieser Seite der Schritt zum "Heim"computer offen. Der legendäre C64 war hingegen als Homecomputer zuerst von "Computer-Freaks" fürs Hobby entdeckt worden: Programme mußten in BASIC oder gar Assembler selbst geschrieben werden, eine mühevolle Arbeit. Die Mythen entstanden von jenen Kids, die mit dem Wissen eines Informatikers in Datenbanken von Firmen oder gar des Pentagon eindringen. Tatsache ist hingegen, daß der C64 sich zu dem Spielecomputer schlechthin entwickelte und daß Kids die Spiele nach Belieben kopierten und mit Freunden tauschten ... Programmieren lernten nur wenige. Tatsache ist auch, daß Kids eine beachtliche Fertigkeit beim Computerspiel entwickeln und Konzentration und Feinmotorik geübt werden.

So hat der Computer Einzug in die Familien gehalten: Für Väter vermeindliche Notwendigkeit, Büroarbeit nach Feierabend zu erledigen und Prestigeobjekt, für die Kids ein neues, faszinierendes Bildschirmmedium (nach dem Fernsehen), weil interaktiv Geschehen gesteuert werden kann.

Die dicken Fragezeichen

Die Fragezeichen hinter dieser rasanten Entwicklung werden oft aus technischer Euphorie übersehen.

Einige seien genannt:

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Die Computerisierung war und ist eine der Antriebe für Rationalisierung in Betrieben - Menschen werden arbeitslos. Das trifft insbesondere für ältere MitarbeiterInnen zu, die den neuen Anforderungen nicht gewachsen sind. Dies trifft ebenso für viele Jugendliche zu, die den High-Tech- Anforderungen nicht gewachsen sind und für die die neuen Medien lediglich zur Unterhaltung dienen.

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Mit einem PC lassen sich Arbeitsvorgänge (z.B. im Büro) schneller erledigen - ein ,Computer-Mythos" (Josef Weizenbaum), der so nicht stimmt! Es gibt mehr Streß, die Ansprüche steigen und Dilettantismus macht sich breit, wenn z.B. eine Schreibkraft ein Layout erstellen soll ...

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Der Konkurrenzkampf der PC-Branche ist groß. Hard- und Software kommen unausgereift auf den Markt, veralten schnell und was noch vor einem Jahr teuer angeschafft wurde hat heute keinen Wert mehr.

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Computer sind Rechenanlagen. Fragestellungen müssen zuerst in einen meßbare, zählbare Form gebracht werden. Die Tendenz zum positivistischen Denken steigt: Nur die Dinge haben einen Wert, die sich in meßbar Größen transformieren lassen.

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Global ist das Know-how äußert ungleich verteilt: USA ist Machtzentrum der Computertechnologie und verfügt über die Datenbanken und damit über "Weltwissen" (dann folgen Japan, Europa, asiatische Staaten). Die sog. "Dritte Welt" hat zu dieser Technologie und diesem Wissen keinerlei Zugang: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer!

Was uns bleibt ... in dieser multimedialen Welt

Der Soziologe Hans Ulrich Beck beginnt seinen Essay "Medien, Macht, Gewalt" mit der folgenden Feststellung: "Die vollkommene Durchdringung des sozialen Lebens durch die Medien ist irreversibel. Manipulationskritik und Programmeuphorie sind symmetrische Reaktions möglichkeiten auf die Durchdringung des sozialen Körpers durch die Massenmedien."

Wir können uns entscheiden: entweder Produkte jener vollkommenen Durchdringung zu werden oder wir können versuchen, uns Klarheit darüber zu verschaffen, was in diesem multimedialen Bereich geschieht und damit Steuerungsmöglichkeiten zu finden. Die Wirklichkeit, in der die Menschen leben, ist zum größten Teil von Menschen konstruierte Wirklichkeit. Für unsere Jugendarbeit bedeutet dies:

Ein Schwerpunkt ist daher unsere medienpädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen!

- Die Medien annehmen, als ein Teil der Lebenswelt Jugendlicher.
- Die manipulativen Möglichkeiten der elektronischen Medien
spielerisch, kreativ nutzen - und Medien für die eigenen Interessen
einsetzen.
- Sozialen Ausgleich schaffen - damit auch lernschwache Schüler Zugang zur aktiven Mediennutzung haben und nicht passive Konsumenten bleiben.
- Auf die Widersprüche aufmerksam machen zwischen Anspruch und Wirklichkeit.


Wolfgang Schuch, DPSG Medienwerkstatt Speyer

Dieser Text entstand für einen WorkShop am "Tag der Familie" in der Diözese Speyer schon im September 1994. Zwar sind die PC schneller geworden - die Programme komplexer, höhere Resourcen fordernd und immer noch unausgereift. Dazu gekommen ist das Internet für jedernann. Wer was auf sich hält hat seine Home-Page, zumindest steht eine e-Mail-Nummer jetzt unten auf der Visitenkarte ... Aber an der Grundfragen des Essays hat sich nichts geändert.

(WS 10/96)

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